Vom Klang des Himmels

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In meiner Ausbildung habe ich letztens gelernt, dass das Universum aus Klang und Licht besteht.

„Ach, du meinst, alles ist Schwingung“, sehe ich jetzt die Leute nicken, „ja klar, weiß ich doch.“, und das Thema ist offensichtlich in seiner vollen Tiefe ausgeschöpft. Wir könnten es dabei belassen, aber ich habe heute Lust, mir das mal auf der Zunge zergehen zu lassen.

Allein der Poesie wegen lohnt sich ein näherer Blick. „Klang“ ist nicht nur das klangvollere Wort. Meine Zellen (er)kennen Klang, seit es Zellen gibt. Klar, physikalische Schwingung ist vielleicht das (messbare) Phänomen, aber berührt mich „Schwingung“? Nein. Was ich innerlich erfahren kann, zum Beispiel als Live-Musik, alsMeeresrauschen, als Stille – ist Klang. Der dringt bis zu meinem Herzen vor. Der schafft es, meinen Körper zum Vibrieren zu bringen und meine Seele zum Jauchzen. Das war auch schon vor meiner Ausbildung so und ich habe während meiner Kindheit und Jugend ja quasi in Musik gebadet, weil ich glücklicherweise aus einer musikalisch höchst engagierten Familie komme.

Meine Lehrerin hat mir also sozusagen die Ohren geputzt und mir gezeigt, wie ich den Klang der Dinge wahrnehmen und ihn auch in meiner Arbeit nutzen kann. Ich dachte noch, als ich das zuvor im Skript gelesen hatte: „Ach, Klang, das kenn‘ ich schon. Das hab ich während meiner Jugend schon so oft erlebt, bearbeitet, durchdrungen, genossen, erforscht…“, und lehnte mich zurück, in Erwartung einer ereignislosen Unterrichtsstunde. Umso größer war die Überraschung, als sich mir tatsächlich eine unfassbar feine und … nun ja, klangvolle Welt eröffnete. Deren Existenz hatte ich zwar schon lang erahnt, aber mangels eigener Erfahrungen wusste ich nicht, wie ernst ich das nehmen konnte.

Sphärenklänge! Ich weiß noch, wie mir das Wort als 12jährige einen aufgeregten Schauer über den Rücken laufen ließ und Freude in mir aufstieg – aber kein Mensch redete davon und wenn‘s keiner wahrnimmt, dann gibt‘s das ja auch nicht. Oder?

Als Kind saß ich einmal mit meinem Vater an einem Fluss im Allgäu und fragte mich – und dann auch ihn – so etwas wie „Woher weiß das Wasser eigentlich, wo es hinfließen muss?“, oder eine ähnlich weise Kinderfrage, und mein Vater sagte: „Du musst dem Fluss lauschen, dann erzählt er‘s dir vielleicht.“
Also lauschte ich dem Fluss. Mein Vater lauschte auch. In meiner Erinnerung saßen wir dort stundenlang, schlotternd vor abendlicher Kälte und mit voller Blase. Aber ich war wie gebannt; ich hatte eine wichtige Frage zu beantworten. Ich war fest entschlossen, die Botschaft des Flusses zu „entziffern“ und strengte mich ordentlich an. Unsere Bemühungen gingen so weit, dass wir das Rauschen des Flusses auf Mini-Tape aufnahmen, 2 Stunden Rauschen, um es uns dann im warmen Zuhause in Ruhe weiter anhören zu können.
Auch Jahre später noch versuchte ich die Flüsse und Bäche, an denen ich vorbei kam, zu verstehen. Ich weitete meine Lausch-Experimente auf Regen, Vogelstimmen, Wind-in-den-Bäumen aus. Später auf den Bauernhöfen lauschte ich nach getaner Arbeit dem Kauen der Kühe, den Schritten der Katzen und der Dämmerung.

Wenn sich das Lauschen zu einem meditativen Zustand ausweitete, sich sozusagen verselbständigte und ich in den Klang der Dinge (so wie ich ihn damals wahrnahm) hinein schmolz, fühlte ich mich sehr glücklich. Für einen Moment war ich frei von meinem Körper und meinen Gedanken. Ich verspürte eine Ahnung von Einheit und vermutete, dass dieses Gefühl der Anfang sein müsste von dem Bewusstsein, das die Indianer damals gehabt haben müssen. (Mein Vater war damals mit einer Schamanin befreundet, von der ich so einiges über die Beseeltheit der Natur gelernt habe. So haben „die Indianer“ und ihre Art, auf Augenhöhe mit Tieren, Pflanzen und Geistwesen zu leben, meine Weltanschauung maßgeblich mitgeprägt.)

Spätestens nach meiner Visionssuche-Zeit im Wald weiß ich, dass ich mit dieser Einschätzung richtig lag. „Die zivilisatorische Schicht, die uns von der eigenen inneren Wildnis trennt, ist nicht dicker als drei Tage.„, schreibt der Wildnisforscher Robert Greenway und ich gebe ihm Recht.
Welch erhebendes Ereignis, als ich also dann nach dem „Ohrenputzen“ draußen einen Vogel hörte und mir der Klang seiner Stimme direkt ins Herz fuhr und dort so lebendig weiterschwang, dass ich darin lesen konnte. Ich meine nicht die Töne, die er gepfiffen hat, sondern der Klang, aus dem die Töne gemacht sind; sozusagen der Klang hinter dem Gesang. (Ich fürchte, das ist wieder eines der Dinge, die man selbst erfahren muss, weil unsere Sprache kaum Wörter dafür kennt. In meiner Welt gibt es ziemlich viele solcher Dinge.)

Ich war baff. Und wendete mein Ohr dem Baum zu, auf dem der Vogel saß, und dann den Wolken und dann dem Himmel. Alles klang. Und alles klang unterschiedlich! Es war zwar ungewohnt, so zu „hören“, auch weil die Schwingungen so fein sind. Mein Körper (oder mein „Drittes Ohr“?) musste sich erst ein wenig anstrengen, lange genug zu lauschen, um auch die Informationen im Klang verstehen zu können. Aber das gab sich schnell und ich begriff, wie sehr diese Fähigkeit meine Wahrnehmung vertiefte. (Mein Verstand seufzt gequält bei diesen Zeilen; er hat Angst, bald gar nicht mehr mitzukommen, der Ärmste.)

Fast glaube ich, dass unsere Sinneseindrücke auf dieser Wahrnehmungsebene zusammenfließen und dass das, was ich hier neu entdeckt habe, für Synästhetiker*innen Alltag ist. Denn als ich eines Tages meinen Computer startete, fing eine CD an zu spielen, die ich im Laufwerk vergessen hatte. Die Schubert-Sonate überschwemmte mich unvermittelt, eine Welle aus Farben und Formen explodierte vor meinem inneren Auge. Wie ein rhythmisches Kaleidoskop bewegten sich die Farben mit der Musik, schwangen mit ihr, flossen in Formen, nur um sich sofort wieder aufzulösen. Die reinste Lichtorgel! Nur viel, viel feiner und vor allem eben auch im Herzen erlebbar. Ich freue mich auf‘s nächste Live-Konzert!

Aber was erzählen nun die Vögel? Wie klingt der Himmel?
Ich war noch nicht wieder im Allgäu, um zu hören, was der Fluss mir zu erzählen hat. Das werde ich
nachholen, fast 20 Jahre nach dem ersten Versuch. (Das ist hier zu lesen.)

Zunächst öffne ich das Fenster und wende mich den vielen Vögeln zu, die da draußen gerade den Frühling begrüßen. Einer ruft drängend, dass es wichtig ist, zu leben. Ein anderer plappert nur so daher. Ein dritter ist voll im Frühlingsschwung und will alle anderen in seinem Jubel mitnehmen. Mein Blick und mein Ohr wandern weiter und entdecken einen Regentropfen, der sich in einem Blatt gesammelt hat. In ihm klingt ein ganzer Ozean der Seelenruhe und er erklärt mir, dass er gerade Licht zu der Pflanze bringt. Das trockene Ziergras, das bei mir in einer Vase steht, bleibt stumm – die Botschaft ist ihm ausgegangen. Aber ich kann seine knisternde, papierne Qualität hören. Die Wolken erzählen von ständiger, mächtiger Bewegung.

Und der Himmel? Schwer zu verstehen. Ich empfinde etwas sehr Feines und bin mir sicher, dass ich das Allermeiste nicht mitbekomme, weil meine Ohren noch nicht geübt genug sind.
Aber man könnte meinen – und das ist etwas, an das ich gerne glauben möchte, bis ich mich vergewissern kann – dass der Klang des Himmels Licht ist.

Feines, weißes, stilles Licht.

(Copyright) Sabeth Fladt, 2021 – Bild: Patrik Carlberg/Unsplash

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