Für die Liebe durchs Feuer

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Wenn ich in letzter Zeit so durch meine Innenräume streife, begegne ich oft dem Chaos. Es ist, als hätte sich sowohl die Masse als auch die Intensität meiner Bestandteile verdreifacht. Aus der gewissermaßen erzwungenen Auseinandersetzung mit meinen vielen verschiedenen Anteilen, die die unterschiedlichsten Bedürfnisse haben, ergab sich eine Erkenntnis, die sich für mich weltbewegend anfühlt. Denn wenn wir neu handeln, bewegen wir die Welt.

Ich fühle, dass wir gerade eine Zeit erleben, in der sich Transformation mit einer Geschwindigkeit vollzieht, dass uns, die wir das Alte gewöhnt sind, schwindeln lässt. Aber das Alte stirbt. Wir können den Wandel im Außen beobachten – erfahren können wir ihn nur in uns selbst und genau darum geht es. Den Wandel in uns selbst zuzulassen. Durch Verlustgefühle und beklemmende Chaos-Zustände hindurch weiter zu atmen und zu erlauben, dass wir gerade in großen Teilen aufgelöst werden. Ich glaube, wir befinden uns in einem riesigen Phönix-Prozess, in dem alles, was sterben will, sterben muss. Es ist wie bei einer Geburt. Je mehr wir uns wehren und den alten, gewohnten Zustand (in dem wir uns doch gerade so schön eingerichtet haben!) festhalten, desto mehr Schmerzen erleben wir, desto gewaltiger muss der Prozess an sich werden, um sich seiner Gesetzmäßigkeit nach vollziehen zu können.

Ich denke, dass wir gut daran tun, uns in unser zyklisches Wesen hinein zu entspannen, das genau weiß: Nach jedem Winter kommt ein Frühling und auch der schönste Tag ist einmal zu Ende. Es geht darum, Hingabe zu leben überall dort, wo wir das Zyklische des Lebens wahrnehmen, JA zu sagen zu dem, was gerade dran ist. Auch und gerade dann, wenn wir es uns anders wünschen, als es gerade ist.

Ein großer Zwiespalt, in dem ich mich gerade oft wiederfinde, ist die scheinbare Unvereinbarkeit zweier sehr großer Bedürfnisse, die ich habe. Die beiden liefern sich ein ständiges Ringen um den Platz in meinem Leben. Nach vielen Tränen und schmerzhaften Versuchen, eines der Bedürfnisse zu amputieren oder zumindest zu betäuben, weiß ich: Es gibt da keinen Ausweg. Meine innere Wahrheit ist, dass ich weder das eine noch das andere loslassen kann, und ich kann auch keine faulen Kompromisse mehr machen. Ich muss für ein erfülltes Leben beides haben – und zwar ganz. So weit, so gut (Glückwunsch zum Finden der eigenen Wahrheit. Das ist schonmal ein großer Schritt!), nur dummerweise widerspricht die Realität dem noch immer.

Was also tun? Für den Moment ist die authentischste und erwachsenste Handlung, zu der ich in der Lage bin, so gut es geht in diesem Feuer der Gegensätze stehen zu bleiben. Mich versengen zu lassen von der brennenden Hitze des „Ich muss mich entscheiden“. JA zu sagen – dazu, dass ich nicht den blassesten Schimmer habe, wie es weiter geht.
Aber plötzlich wird mir eines klar. Was da gerade verbrennt, ist das Alte. Das Entweder-Oder. Das Ich-Muss-Verzichten-Um-Zu-Bekommen. Und dann verstehe ich auch, warum es so irrsinnig schmerzhaft ist: weil es nicht nur mein ganz eigenes Thema, mein persönliches „Altes“ ist, sondern weil es auch Teil eines kollektiven Loslassens von alten Denkmustern ist. Im Schmerz des Feuers selbst ist noch nicht klar, was aus der Asche emporsteigen wird, aber das uralte Wissen, dass jeder Tod IMMER neues Leben birgt, lässt mich das feurige Chaos besser ertragen. Und in mutigen Momenten sogar noch befeuern. Es ist DIE Chance, alles, was ich sonst noch loswerden wollte, gleich mit in die Flammen zu werfen und genüsslich-wehmütig-schmerzerfüllt zu fühlen, wie sie sich auflösen.

Für das, was da verbrennen muss, ist das die Hölle. Und genau so fühlt es sich auch an. Aber ich fühle: Es gibt keinen Weg mehr dran vorbei; wir müssen alle durch, jede*r für sich. Die Zeit ist reif, auf jeder Ebene. Wir können uns vom Geist der Zeit beflügeln lassen und können uns gegenseitig darin bestärken, nicht mehr weg zu sehen. Dem Irrsinn mutig in die Augen zu sehen und dann vielleicht keck das noch Verrücktere tun: Unser Herz zu öffnen. Und all den alten, verbitterten Emotionen, Mustern und Gewohnheiten, die uns nicht mehr dienen, liebevoll und bestimmt zu sagen, dass sie jetzt gehen dürfen, weil ihre Zeit gekommen ist.

Mittlerweile glaube ich erkannt zu haben, welcher Art das Feuer ist, das die letzten Wochen unaufhörlich in mir brennt und auch, warum es so unglaublich weh tut. Dadurch kann ich sehr gut einverstanden sein mit dem Prozess, denn schließlich bringt er mich näher zu mir selbst.
Das allein wäre schon genug der Erkenntnis gewesen, aber dann stieg wie aus der Asche ein neuer
Gedanke auf, wie mit einer solchen Patt-Situation (also der Erkenntnis, dass sich zwei Grundbedürfnisse extrem widersprechen, ich aber keines von beiden loslassen oder verändern kann) in Zukunft umzugehen ist:

Wenn ich mich weiter ausdehne als bisher, haben beide Bedürfnisse in mir Platz.

Wenn ich mich innerlich größer mache, passt alles in mich hinein. Ich muss mich nicht mehr entscheiden. Ich kann aufhören, panisch zwischen den Bedürfnissen hin und her zu rennen. Ich kann ihnen ihren Raum geben, ohne mich dabei von mir selbst zu entfernen.

Dieser Gedanke und vor allem das Gefühl, wenn ich mich ausdehne!, ist grandios. Es ist weltbewegend, weil es meine Welt bewegt. Es hebt sie gewissermaßen aus den Angeln und schenkt mir Flügel.
Für einen Moment sehe ich, dass alles zusammenpasst.

Die Welt, die wir kennen, stirbt, zusammen mit allem, was dem Leben nicht mehr dient.
Das Neue drängt schon kraftvoll durch die Ritzen unserer modrigen Barrikaden.
Alles, was wir zu tun haben, ist: es vertrauensvoll geschehen lassen und die Liebe hoch halten.

In einem (bei uns sehr aktuellen) Kinderlied von Frederik Vahle klingt das folgendermaßen – und wir WISSEN, dass es genau so und nicht anders funktioniert:


Und einmal da führte Pop das Steuer,
da kam ein furchtbares Seeungeheuer
Und Pop rief: „Komm‘ ich küsse dich!“,
Da tauchte es weg, denn das mochte es nicht.

Eh voilà.

Liebe IST stärker.

(Copyright) Sabeth Fladt, 2021 – Bild: Christopher Burns/Unsplash

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